Juan Espíndola analysiert »the Vergangenheitsbewältigung«
rnPolitikwissenschaftler arbeitet am Forschungskolleg Humanwissenschaften über Fragen der Gerechtigkeit nach Regimewechseln

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Juan Espíndola ist kein Mensch, der weite Wege scheut – weder geistig noch geografisch. In Mexiko geboren studierte er Politikwissenschaften am Colegio de México, bevor er an die University of Michigan wechselte – einmal quer durch den halben Kontinent, ans nordöstliche Ende der USA. Seine Doktorarbeit behandelte »the Vergangenheitsbewältigung« am Beispiel der deutschen Wiedervereinigung. In diesen Monaten ist Dr. Espíndola, der einen Teil seiner Studienzeit auch in Budapest, Paris und Heidelberg verbrachte, Fellow am Forschungskolleg Humanwissenschaften und Stipendiat der Frankfurter Forschergruppe »Justitia Amplificata«.

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Der »Justitia«-Gruppe, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) an der Goethe-Universität gefördert wird, geht es neben einer allgemeinen Begriffsbestimmung auch darum, wie Gerechtigkeitstheorien in die Praxis umgesetzt werden können. Fragen einer gerechten Weltordnung gehören ebenso dazu wie die Verteilungs- und Generationengerechtigkeit. Juan Espíndola hat seinen Arbeitsschwerpunkt im Bereich der Transitional Justice, Gerechtigkeit in Übergangssituationen.

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»Im Zentrum dieser Überlegungen steht das, was man im internationalen Sprachgebrauch ›coming to terms with past‹ nennt«, sagt Espíndola. Das deutsche Pendant lautet Vergangenheitsbewältigung. Prinzipiell geht es bei Transitional Justice darum, die Folgen eines gewaltsamen Konflikts oder einer Diktatur aufzuarbeiten. Das Konzept verfolgt unter anderem zwei Teilziele, die nicht selten miteinander konkurrieren: Den Opfern soll Gerechtigkeit widerfahren, und zugleich sollen sich die verschiedenen Gruppen der Gesellschaft versöhnen, damit die Weichen für ein vertrauensvolles Zusammenleben gestellt sind.

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Vor dem Hintergrund des Transitional Justice-Ansatzes untersuchte der Politikwissenschaftler in seiner Dissertation einen bestimmen Aspekt der deutschen Geschichte nach dem Ende des SED-Regimes – den Umgang mit den ehemaligen Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) der Stasi. Die Arbeit trägt den Titel »The Disclosures of Respect: The Public Exposure of Stasi Informers after the German Reunification«. Eine zentrale Analysekategorie Espíndolas ist der Respekt. »Dadurch, dass man die Stasi-Vergangenheit der IM öffentlich machte, wollte man den Opfern Respekt erweisen«, so der Wissenschaftler. Das Schicksal der Opfer sollte öffentlich als ein zu verantwortendes Unrecht anerkannt werden. Was aber ist mit den Tätern, fragt Espíndola: Hat man beispielsweise deren Zwangslagen, durch die sie vielleicht erst zu Spitzeln geworden sind, immer ausreichend berücksichtigt?

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»Mir geht es keinesfalls darum, die Taten der inoffiziellen Stasi-Mitarbeiter zu verharmlosen oder gar zu entschuldigen«, betont Juan Espíndola. »Ich will jedoch auf einige grundsätzliche Probleme hinweisen und auch für die Frage sensibilisieren, welche Nachteile solche ›outings‹, besonders wenn sie vorschnell und unverhältnismäßig sind, für eine Gesellschaft haben können.« Diese Vorgehensweise könnte zu einem politischen Klima des andauernden Misstrauens beitragen.

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Der junge Politikwissenschaftler hat für seine Studie mehrere Monate in Deutschland recherchiert, auch und vor allem in den Archiven des »Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik« (BStU). Dabei kamen ihm seine Kenntnisse der Sprache und des Landes zugute. Aus Interesse für die deutsche Kultur hatte Juan Espíndola schon am Goethe-Institut in Mexiko-City Sprachkurse belegt. Später folgte auch der halbjährige Studienaufenthalt am Heidelberger Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht.

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In seinem aktuellen Projekt am Forschungskolleg führt der 33-Jährige seine Studien im Bereich Transitional Justice fort. Unter dem Titel »Peace-Building and Paternalism« untersucht er die Frage, inwieweit internationale humanitäre Interventionen, etwa in ehemaligen Bürgerkriegsländern, auch Züge von Bevormundung haben können und die betroffenen Staaten daran hindern, ihre jüngste Vergangenheit aus eigener Kraft zu bewältigen. Auch auf diese Ergebnisse darf man gespannt sein. Juan Espíndola wird noch bis August 2012 am Bad Homburger Kolleg arbeiten.

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Der Beitrag von Bernd Frye erscheint im UniReport der Goethe-Universität, 6/2011.

(FKH - 17.11.2011)